NICHTS ZU MACHEN
«Nichts zu machen»: Mit diesen Worten eröffnet Samuel Beckett «Warten auf Godot». Auf einer Landstraße an einem unbestimmten Ort zu unbestimmter Zeit warten Wladimir und Estragon auf Godot. Weder wissen sie, wer er ist, noch, was sie von ihm wollen. Unklar ist auch, wann, beziehungsweise, ob er überhaupt kommen wird. Allein das Warten auf den ominösen Unbekannten suggeriert dessen faktische Existenz. Auch die Geschichte der beiden Tramps ist ungesichert, weder scheinen sie eine Vergangenheit zu haben noch mehr als eine vage Vorstellung von ihrer Zukunft. Ihre Gegenwart wirkt wie ein Moment des Stillstands. Die Zeit des Wartens füllen sie mit Spielen, die alltäglichen Verrichtungen ähneln, mit Konversationen gegen die Stille, mit dem Planen und Verwerfen des gemeinsamen Suizids sowie mit Sinn simulierendem Streit samt Versöhnung. Unterbrochen wird ihre Monotonie vom plötzlichen Auftreten eines ungleichen Paares: ein blasierter Herr namens Pozzo und dessen Knecht Lucky, der auf Befehl Tanz- und Denknummern zum Besten gibt und sich in einen wirren Monolog manövriert, der dem Untergang der Ratio huldigt. Theodor W. Adorno, Philosoph und Vertreter der Frankfurter Schule, sah in der Beziehung der beiden die bühnengewordene Manifestation des dialektischen Verhältnisses von Herrschaft und Knechtschaft, nachzulesen in Hegels «Phänomenologie des Geistes».
Wenige Bühnenwerke sind so reich an Motiven, verlangen so sehr nach Deutung und haben eine derart ausufernde Menge an Interpretationen evoziert, die sich des gesamten abendländischen Bildungsreservoirs bedienen und dabei zu divergierenden Deutungen gelangen. Vor allem über die Identität Godots wurde spekuliert, denn die sprachliche Nähe von God zu Godot ist evident. Beckett, nach dessen Bedeutung gefragt, antwortete: «Ich weiß nicht, wer Godot ist. Ich weiß auch nicht, ob er existiert. Und ich weiß nicht, ob die zwei, die ihn erwarten, an ihn glauben oder nicht.» Godot ist gleichsam eine Leerstelle, die metaphysisch, existentialistisch, historisch, ideologiekritisch oder auch literaturimmanent interpretiert werden kann – relevant ist aber nicht die Chiffre selbst, sondern das Warten darauf.
Als Beckett diesen modernen Klassiker 1948 schrieb, waren die Gräuel des Zweiten Weltkriegs (noch) allgegenwärtig und die Aufarbeitung des Holocaust gesellschaftliches Tabu. Der französische Autor Pierre Temkine legt in «Warten auf Godot. Das Absurde und die Geschichte» nahe, dass Wladimir und Estragon Juden sind – und tatsächlich benennt das Stück (neben örtlichen Verweisen) Millionen Ermordete und deren Asche. Geografische und historische Details des französischen Originals lassen auch die Lesart zu, dass Wladimir und Estragon Mitglieder der Résistance sind, die auf einen Schlepper warten. Das hätten die beiden dann mit ihrem Autor gemein, der sich 1940 der französischen Widerstandsbewegung anschloss und deswegen gezwungen war, Paris 1942 abrupt zu verlassen und in Südfrankreich unterzutauchen. Dem italienischen Regisseur Giorgio Strehler antwortete Beckett auf die Frage, wo Waldimir und Estragon während des Zweiten Weltkriegs gewesen seien: «in der Résistance». Dennoch war es Beckett später daran gelegen, die Spuren der konkreten historischen Situation zu verwischen, um seinen Figuren eine universelle Dimension zu geben. Jedenfalls scheinen Wladimir und Estragon Überlebende einer Katastrophe zu sein, denen nichts fernerliegt, als ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Sie repräsentieren «die Menschheit, ob es uns passt oder nicht»: eine Menschheit, deren Erinnerung lückenhaft ist und die unter grassierendem Gedächtnisschwund leidet – um sich ihrer (Mit-)Schuld nicht gewahr werden zu müssen?
Für Joachim Kaiser, einen der einflussreichsten Theaterkritiker seiner Zeit, «scheint jedes Bewusstsein imstande, die Einzelheiten der Beckett´schen Szenerie zu etwas je verschieden Kohärentem zu formen, denn jeder träumt sich seinen eigenen Traum über Becketts Albtraumpartikel zurecht. Gerade darum muss man versuchen, für einen Augenblick von alledem abzusehen, was Becketts sich verweigernde Symbole an vermeintlich völlig klaren Bedeutungen zu implizieren scheinen.»
Uraufgeführt wurde «Warten auf Godot» 1953 im Théâtre de Babylone: Nachdem einige Pariser Bühnen das Stück abgelehnt und die Finanzierung zwei Jahre gedauert hatte, wurde Beckett als Dramatiker damit quasi über Nacht berühmt. Das Stück, Ende 1952 erstmals publiziert, wurde binnen kürzester Zeit in 18 Sprachen übersetzt. Der gebürtige Ire Beckett verfasste das Original nicht in seiner Muttersprache, sondern in Französisch, übersetzte es selbst ins Englische und war auch an der deutschen Übertragung beteiligt, bei der er einige Details mitbestimmte. Was 1953 noch als enigmatisches Stück der Avantgarde galt, fand sich bald international auf Spielplänen und wurde im Laufe der Zeit in den bildungsbürgerlichen Theaterkanon eingemeindet. Auch Beckett selbst inszenierte «Warten auf Godot» 1975 als eine von sieben Inszenierungen seiner Stücke am Schiller-Theater in Berlin. Bis heute sind Theater bezüglich der Interpretation des gesamten dramatischen OEuvres von Samuel Beckett an strikte Vorgaben gebunden, was Übersetzung, Bühne und Kostüme betrifft: So verfügte Beckett testamentarisch beispielsweise, dass «Warten auf Godot» von männlichen Darstellern gespielt werden muss. Und so ist dieses Drama über die Ausweglosigkeit menschlichen Daseins bis hin zu den konkreten Vorgaben der jeweiligen Inszenierung konsequent und unausweichlich: «Nichts zu machen».
Constanze Kargl
Mehr zum Stück finden Sie im Programmheft der Produktion. Das Programmheft ist erhältlich an der Theaterkasse, in den Foyers oder als gekürzte Onlineversion zum Download hier.